Alltägliches

Liebes Karma

Seit heute morgen werden in der Berliner Puschkinallee die Platanen saniert. Ich weiß nicht genau, was das heißt, aber es werden wohl einige gefällt und andere repariert. Der Aufwand scheint zumindest so groß zu sein, daß man die dreispurige Hauptverkehrsader stadteinwärts komplett sperrt und den Verkehr umständlich umleitet. Passierdauer am Treptower Park: eine Stunde. Eins zu null für Dich, Karma. Glücklicherweise besitze ich eine Umweltkarte und nehme ohnehin die Bahn ins Büro; nicht mit mir!

Leider sorgt ein Kabelbrand am Ostkreuz für den Komplettausfall des wichtigsten S-Bahn-Kreuzes der Stadt. Zwei zu null für Dich, Karma, aber so leicht gebe ich nicht auf. Wie es der Zufall will, ist mein geschätzter Kollege seit heute aus dem Urlaub zurück und nimmt mich, wie sonst üblich, wieder mit dem Auto mit. Selbstverständlich meiden wir die Puschkinallee und fahren über Neukölln nach Mitte. Es herrscht auch hier unüblich dichter Verkehr, aber schließlich kommen wir nach einer Stunde im Büro an. Was sagst Du jetzt, Karma?

Als ich um 18 Uhr Feierabend mache, wage ich den Marsch zum Hackeschen Markt, um die Bahn nach Hause zu nehmen - in stiller Hoffnung, daß die Probleme bei der S-Bahn inzwischen gelöst sind. Falsch gedacht. Pendelverkehr bis Ostbahnhof, wie es dort weitergeht ist unbekannt. Also nehme ich den Zug bis Alexanderplatz und will auf die U8 nach Hermannstraße wechseln, um mein Glück auf dem Südring zu versuchen. Ich erwische die Bahn und bekomme einen Sitzplatz. Fünf Minuten später stehe ich auf dem U-Bahnhof Weinmeisterstraße, direkt vor meinem Büro, just an dem Ort, an dem meine Heimreise begann. Ha, damit hast Du wohl nicht gerechnet, Karma? Eins zu zwei für mich - bin ich doch ausversehen in die falsche Bahn gesprungen und zurückgefahren. Macht nichts, ich steige einfach in die Gegenrichtung und setze meine Reise zum Südring fort. Hermannstraße angekommen, muß ich leider feststellen, daß auch hier Pendelverkehr herrscht. Schlimmer noch: die Bahn fährt nur bis Neukölln. Ich fahre also vor und stehe 5 Minuten später auf dem Neuköllner Bahnsteig und lausche einem jungen, aber sehr freundlichen S-Bahn-Angestellten, der den verärgerten Pendlern erklärt, daß der Kabelbrand am Ostkreuz die gesamte Görlitzer Bahnstrecke bis Schöneweide komplett lahmgelegt hat. Drei zu eins für Dich, Karma. Die S-Bahn pendelt nun zwischen Neukölln und Ostkreuz, Reisende nach Schöneweide - das bin ich - sollen bis Treptower Park fahren und ab dort den Schienenersatzverkehr nehmen. Treptower Park liegt nur leider in der falschen Richtung, vier zu eins für Dich. Und dummerweise muß der SEV-Bus auch noch an den Platanen vorbei und somit mitten durchs Verkehrschaos, fünf zu eins für Dich, na warte Karma!

Anstatt nun die 20 Minuten auf den nächsten Pendelzug zu warten und mich am Treptower Park in einen völlig überfüllten Bus zu quetschen, laufe ich runter zur Bushaltestelle am S-Bahnhof Neukölln und will mit dem 171er bis Sonnenallee fahren, um von dort mit dem M41er nach Baumschulenweg zu kommen. Das ist meine Richtung. Leider auch die Richtung vieler anderer Reisender, die zufällig die selbe Idee haben. Sechs zu eins, ich laufe!

Als ich die Bushaltestelle Sonnenallee erreiche, kommt auch prompt der M41er, ich erwische ihn, bekomme einen Platz und feiere meinen Teilsieg gegen Dich, Karma. Hätt ich mich mal besser nicht zu früh gefreut: An der Baumschulenstraße warten schon die nächsten Fahrgäste, denn der 265er, mein Bus nach Hause, kam schon seit geraumer Zeit nicht. Ich vermute, weil auch der an den Platanen vorbei muß auf seinem Weg von Mitte nach Schöneweide. Sieben zu eins, ich laufe wieder.

An der Baumschule Späth schließlich kommt mein Bus - natürlich so dermaßen überfüllt, daß ich gerade so reinpasse. Danke, Karma! Aber ich bin drin. Und an jeder, wirklich jeder Haltestelle wollen Leute raus. An der Haushoferstraße hab ich genug; ich steige aus und laufe durch die Siedlung - ab hier kannst Du mir nichts mehr anhaben, Karma, in fünfzehn Minuten bin ich zu Hause!

Jan • 23.5.2011, 19:18 Uhr • Kommentare: 2

Neulich in der echten Welt

Glück gehabt

In letzter Zeit passiert es mir öfter, daß mich fremde Menschen auf der Straße ansprechen. Sie kommen mir entgegen und sagen plötzlich unvermittelt so Sachen wie »Hallo, wie geht's Dir?« oder »Gut, alles klar, bis morgen dann!«. Ich schaue sie dann erstaunt an und antworte freundlich. Diese Leute ziehen dann meistens die Augenbrauen hoch, mustern mich völlig perplex und gehen kopfschüttelnd weiter. Aha, wieder einer, der mit so einer unsichtbaren Freisprecheinrichtung telefoniert hat. Das passiert mir nicht nochmal. Jedenfalls kein viertes mal.

Aber dieser neue Freisprechtrend hat auch Vorteile. Ich war heute bei meinen Eltern, ein kurzer Besuch nach der Arbeit. Mein dreißigminütiger Heimweg führte mich mitten durch einen ziemlich großen Landschaftspark, das Wetter war mild, es war bereits dunkel und ich war mutterseelenallein. Wie immer, wenn ich allein zu Fuß unterwegs bin, versinke ich binnen kürzester Zeit in Gedanken. Ich dachte über meine Präsentation nach, die ich morgen im Büro halten werde. Ich ging alles nochmal im Kopf durch und als ich dann am Ausgang des Parks ankam, ertappte ich mich dabei, wie ich meinen Vortrag laut vor mich hin sprach. In diesem Augenblick bemerkte ich ein paar Jugendliche, die neben dem Weg im Dunkeln auf einer Bank saßen. Ich sah nur die roten Rücklichter, ihrer an die Bank gelehnten Fahrräder, von ihnen war kein Wort zu hören. Vermutlich dachten sie gerade darüber nach, mit wem ich denn da rede. Ungewöhnlich geistesgegenwärtig sagte ich laut »Na dann machs gut, bis die Tage!«, griff in meine Innentasche, fummelte dort an meinem nicht existierenden Telefon herum und verschwand im Dunkeln. Puh, nochmal Glück gehabt!

Jan • 15.4.2011, 8:04 Uhr • Kommentare: 4

Kurioses

Ungelöste Rätsel des Universums (5)

Beim Segeln braucht man normalerweise keinen Strom. Angetrieben wird man vom Wind und tagsüber braucht man auch kein Licht. Auf größeren Yachten für Küsten- und Seegewässer ist das ein wenig anders. Man hat eine Batterie für das Bordnetz, denn man möchte ja mit GPS navigieren, ein funktionstüchtiges Funkgerät haben, die Lebensmittel kühlen und vielleicht auch mal das Radio anschalten. Normalerweise ist das alles machbar, wenn man jede Nacht im Hafen die Batterien mit Landstrom lädt. Mit dem Motor geht das selbstverständlich auch, aber wir wollen ja segeln.

Nun verhält es sich so, daß man ja vielleicht auch mal nachts segeln möchte oder muß und zu diesem Zweck benötigt man zusätzlich noch die Navigationslichter, damit man nicht von der Rostock-Gedser-Fähre übermangelt wird. Und wie beim Auto, belasten die Lampen die Batterie nicht unerheblich und so versucht man bereits vorausschauend Energie zu sparen, z.B. durch Abschalten der Kühlbox und Meiden des Radios.

Ist man nun gewzungen, die Nacht durchzusegeln, spart man mit allen Mitteln Energie, um Navigation und Beleuchtung bis zum Morgen aufrechtzuerhalten. Klingt doch logisch, oder? Für einige Menschen offenbar nicht und diese sitzen vornehmlich in den Entwicklungsabteilungen von Mobiltelefonherstellern. Würde NOKIA eine Segelyacht entwerfen, dann würden sofort alle verfügbaren Navigationslichter und das Decksflutlicht blinken, während das Nebelhorn alle paar Sekunden einen Warnton ausstößt, um den unbedarften Segler daran zu erinnern, daß die Batterie gleich leer ist.

Kommt nur mir das so vor, oder ist das blanker Hohn, daß Mobiltelefone, sobald ihr Akku fast leer ist, anfangen mit dem Display zu blinken und Piepsgeräusche von sich zu geben? Ist es nicht eigentlich eine ziemlich dumme Idee, bei Energiemangel nochmal extra viel Energie zu vergeuden? Sollte man nicht lieber in einen Energiesparmodus wechseln, wenn sich der Akku dem Ende neigt? Ein weiteres ungelöstes Rätsel des Universums.

Noch mehr ungelöste Rätsel.

Jan • 19.2.2010, 14:06 Uhr

Kurioses

Kennen Sie Brise One Touch?


Werbung von 2009

Das ist so ein Raumspray, speziell für die Toilette, mit dem man eventuell auftretende unangenehme Gerüche überdecken kann. Bekannt wurde es in Deutschland durch seine schlecht synchronisierten und merkwürdig skurillen Werbespots. Wenn mal keine Zeitung zur Hand ist, kann man sich die Warnhinweise auf der Dose durchlesen und wird sich vermutlich wundern:

[...] Darf nicht in Hände von Kindern geraten. Aerosol nicht einatmen. Nur in gut belüfteten Bereichen verwenden. Nicht in die Augen sprühen. [...]

Bei der Lektüre dieser Hinweise drängen sich einem sogleich Fragen auf, wie: Warum sieht man eigentlich in sämtlichen Werbespots vorwiegend Kinder auftreten, die das doch eigentlich gar nicht benutzen dürfen? Muß man jetzt immer die Luft anhalten, wenn man den Raum erfrischt? Wenn der Bereich immer gut belüftet sein muß, braucht man wozu genau ein Duftspray? Ist die Wandmontage mit nach oben gerichteter Sprühöffnung nicht ein wenig ungünstig geplant?

Schlußendlich wird man vermutlich nie erfahren, ob Entwicklungs- und Marketingabteilung von Brise überhaupt miteinander reden.

Jan • 21.10.2009, 11:35 Uhr

Meine zwei Pfennig

Twitter


Wenn ich twittern würde, sähe mein Feed in etwa so aus:

13:23 Habe gerade Teewasser aufgesetzt

13:41 Habe nochmal Teewasser aufgesetzt, weil es schon wieder kalt war.

13:48 Habe das heiße Wasser in die Tasse gegossen, Teebeutel rein, Wecker auf 4 min gestellt.

14:39 Habe den Tee nach 50 min Zieh-Zeit weggegossen und neues Teewasser aufgesetzt.

14:50 Habe nochmal Teewasser aufgesetzt, weil es wieder kalt war.

Jan • 18.9.2009, 6:06 Uhr • Kommentare: 15

Neulich im Zwischennetz

Nutzloses Wissen


Rostocker Straßenleuchte RSL 1

Im Zentrum der »Blaubeerstadt« Eggesin steht seit 2002 ein Denkmal zu Ehren der Blaubeere. Beim Blaubeerfest Mitte Juli wird eine Blaubeerkönigin gekürt.

Sago wurde ursprünglich aus dem Mark der Sagopalme gewonnen, heute auch aus Wurzelknollen anderer tropischer Pflanzen, beispielsweise aus Maniok. Marco Polo brachte den ersten Sago im Jahre 1280 nach Europa.

Viele Leute finden es extrem lächerlich, dass Supermans Verkleidung als Clark Kent quasi nicht existiert und dass er trotzdem nicht von seinen Kollegen erkannt wird. Die gleichen Leute haben aber kein Problem damit, dass er ein Superwesen ist, welches fliegen kann und dessen einzige Schwachstelle Kryptonit ist.

Die Rostocker Straßenleuchte RSL 1 wurde seit Anfang der 60er Jahre hergestellt und noch bis in die 90er von einem Nachfolgeunternehmen produziert. Ab 1981 wurde das dicke Rippenglas durch dünneres Strukturglas ersetzt. Ab 1982 gab es die Leuchte für die Bestückung mit 2 NA Lampen 70 W. Seit 1990 gibt es auch Standrohre zur Montage auf Stahlmasten.

Die flugfähige Version des Hubschraubers »Airwolf« aus der gleichnamigen Fernsehserie war eine modifizierte Bell 222 mit der Seriennummer 47085. Während der Dreharbeiten gehörte er Peter J. McKernan Sr.'s Firma »JetCopters Inc.« in Van Nuys, CA, danach wurde er als Rettungshubschrauber nach Deutschland verkauft, wo er bis 1991 bei der HSD-Luftrettung als Intensivtransporthubschrauber genutzt wurde. Bei einem Einsatzflug am 6. Juni 1992 geriet die Maschine beim Flug von Köln nach Berlin in ein Gewitter und stürzte, vermutlich durch einen Blitzschlag, ab.

Jan • 22.7.2009, 6:42 Uhr

Alltägliches

Ungelöste Rätsel des Universums (4)


8 Stellen

Warum setzen so viele Menschen Leerschritte in lange Ziffernfolgen? Egal, ob es eine Telefonnummer ist, eine Kontonummer oder Bankleitzahl, es werden immer wieder Leerschritte eingefügt, meistens nach jeweils drei Ziffern: 030 678 901 23 oder 860 100 90. Ja natürlich, »das ist doch zur besseren Lesbarkeit, damit man z.B. nicht zwischen den Ziffern verrutscht«. Aber wer liest Kontonummern? Enthalten sie eine mir unbekannte Poesie? Zählen sie zur modernen Prosa? Ist das Telefonbuch deshalb so erfolgreich, weil es so gut lesbare Telefonnummern enthält?

Natürlich, im Telefonbuch Leerschritte zwischen die Zahlengruppen zu setzen ist tatsächlich sinnvoll. Ebenso auf Visitenkarten oder Werbeschildern. Hier muß man die Nummer behalten, abschreiben oder abtippen und ist dankbar für leicht zu merkende Ziffernblöcke. Aber warum neigen die Leute dazu, auch in digitalen Medien, wie Email oder Textnachricht Leerschritte einzufügen? Wir schreiben das Jahr 2009. Jeder zweite Haushalt in Deutschland verfügt über einen Internetanschluß, wieviele Menschen ihre Bankgeschäfte online machen ist sicher auch in einer Studie belegt. Was vermutlich noch nicht untersucht wurde: Wieviele Menschen ärgern sich Tag für Tag über Leerschritte in Kontonummern?

In einem Online-Überweisungsformular gibt es ein Feld für die Kontonummer und die Bankleitzahl. Diese Felder akzeptieren nur Zahlen, jedoch keine Leerzeichen und sind außerdem in ihrer Länge begrenzt. Ein Eingabefeld für die Bankleitzahl erlaubt nur Zahlen und eine Maximallänge von 8 Zeichen. Die hübsch mit Leerzeichen formatierte Zahl "860 100 90" ist nicht nur viel zu lang (10 Zeichen), sondern enthält auch unerlaubte Zeichen (die Leerschritte).

Vielleicht kann ja mal jemand eine Studie darüber machen, wieviele Jahre ihres Lebens die Menschen damit vergeuden, Leerzeichen aus Kontonummern zu entfernen.

Weitere ungelöste Rätsel.

Jan • 15.7.2009, 6:32 Uhr

Kulturelles

Bücher lesen


Skulptur »Der moderne Buchdruck« (Bebelplatz, Berlin 2006)

Als Kind habe ich niemals Bücher gelesen. Ich habe lesen gehaßt. Entweder war ich draußen oder ich hab drinnen mit meinen Mätschies gespielt. Bücher waren für mich Zeitverschwendung - außerdem gab es ja auch noch Westfernsehen. Meine Eltern haben das ziemlich schnell durchschaut und mir dann angepaßte Geschenke gemacht, wie z.B. Spielzeug-Autos oder ein neues Fahrad. Meine Großmutter hat mir allerdings zu jedem Geburtstag und an jedem Weihnachten unermüdlich ein Buch geschenkt, das ich, mich brav bedankend, mit vorgespielter Freude entgegennahm und in irgendeiner Kiste verschwinden ließ.

Andere Kinder haben viel gelesen. Winnetou oder Lederstrumpf. Keine Ahnung, was nicht noch alles. Mein Vater hat immer ganz begeistert von Cousteau berichtet oder Jack London. Ich konnte dem nichts abgewinnen. Heute frage ich mich manchmal, ob ich etwas verpaßt habe, ob mir nicht ein wichtiger Teil der Kindheit und der DDR-Kultur fehlt. Doch ich bin der Meinung, daß man als Kind nicht unbedingt viel gelesen haben muß. Es gibt lustigere und aufregendere Freizeitaktivitäten. Wir sind mit unseren Fahrrädern wie Rowdies durch die Gegend gefahren, haben Buden im Wald gebaut oder mit all unseren Mätschies riesige Städte in unseren Kinderzimmern errichtet. Als dann die Wende kam, gab es dutzende neue Abenteuerspielplätze in den leerstehenden Fabrikgebäuden abgewickelter Volkseigener Betriebe und auf überstürzt verlassenen Kasernenanlagen, wo man noch Gulaschkanonen, Ikarusbusse, Berge von Akten und Lagerhallen voll mit Autobatterien, Kugellagern und Neonröhren vorgefunden hat. Und es gab niemanden, den es interessiert hätte, ob wir dort unser Unwesen trieben oder nicht - außer vielleicht die Eltern, denen man natürlich nicht davon erzählt hat. In einer der für Ostkinder aufregendsten Zeiten des 20. Jahrhunderts - der Wendezeit - war Lesen das letzte, was ich mit meiner Zeit anzufangen gewußt hätte.

Heute lese ich sehr gern. Wenn ich denn die Zeit finde. Und das ist keine Ausrede, um nicht zu lesen, denn ich schaffe schon das eine oder andere Buch. Das ist wie ein Instrument zu spielen. Als Kind wollte man nie eins lernen und man war froh, daß einen die Eltern nicht gezwungen haben. Als junger Erwachsener hat man dann bereut, nie ein Instrument gelernt zu haben und warf seinen Eltern vor, daß sie einen damals nicht gezwungen haben. Heute bin ich wieder froh darüber, denn meine Kindheit war schön - so wie sie war. Dafür bringe ich mir eben jetzt Gitarrespielen bei, wobei »jetzt« eigentlich schon wieder ein paar Jahre zurückliegt und die Gitarre schon ziemlich eingestaubt ist. Immerhin hatte ich schon ein paar Songs drauf, die man am Lagerfeuer hätte spielen können, wenn man denn eins besucht und seine Gitarre mitgebracht hätte.

Ein Nachteil, daß man als Kind nie gelesen hat ist der, daß einem die anderen um eine Menge Bücher voraus sind, bei denen man nicht mitreden kann. Und wenn man dann ohnehin nur so wenige Bücher pro Jahr schafft, wie ich, muß sehr genau selektiert werden, welche Bücher man dann auch tatsächlich anfängt. Man probiert dieses und jenes, legt sich auf gewisse Autoren fest, wird irgendwann enttäuscht und landet schließlich bei den Klassikern.

Schwierig wird es bei Empfehlungen. Neulich fiel mir ein Buch in die Hände, das mir mal ein Freund vor Jahren ausgeliehen hatte. Eigentlich zwang er mich, es auszuleihen, denn ich müsse es unbedingt lesen, da es so extrem gut sein soll. Schon der Titel hat mich angeödet und ich verspürte nie den Drang, überhaupt mal den Klappentext zu lesen. So verstaubte das Buch und verschwand schließlich in irgendeiner Kiste nachdem der Kontakt mit jenem Freund eingeschlafen war. Als ich es jetzt wieder in Händen hielt und den Staub abwischte, ödete mich der Titel immernoch an. Da ich es aber nicht zurückgeben kann und mich entscheiden mußte, ob ich es beim nächsten Buchladen abgeben oder behalten sollte, las ich wenigstens endlich mal den Klappentext.

Wie weit muß man ein Buch lesen, bis man entscheiden kann, ob man es weiterlesen oder wegwerfen möchte? Jenes verstaubte Buch, das Marcel Reich-Ranicki, laut Wikipedia der einflußreichste deutsche Literaturkritiker, als hervorragend bezeichnete, ist bei mir nun auf Platz eins. Platz eins der Liste der am wenigsten beachteten Bücher. Es ist quasi das einzige Buch in meinem Besitz, bei dem mich schon der Klappentext so sehr angeödet hat, daß ich nichtmal den zu Ende gelesen habe.

Der Autor und Lesebühnenveteran Dan Richter hat in seinem Blog einmal geschrieben:

»Wieviele Seiten sollte man eigentlich einem Buch geben? Sicherlich hält man bei Empfehlungen länger durch. Dem "Namen der Rose" oder den "Satanischen Versen" gönnt man auch schon mal 50 Seiten, um dem Buch eine Chance zu geben. Aber ein Krimi sollte einen schon nach 5 Seiten hineinziehen. Stephen Kings "Shining" habe ich tatsächlich 200 Seiten weit gelesen und mich immer wieder gefragt: Wann wird es denn nun spannend. Bei "Der dunkle Turm" hat eine halbe Seite genügt, mich zu verschrecken.«

Manchmal zweifle ich ein wenig an meinem Geschmack, wenn ich Sachen ganz furchtbar schlecht finde, von denen andere in den höchsten Tönen schwärmen. Ich denke dann, ich bin vielleicht ein Banause und fühle mich ein wenig schlecht, weil man dieses oder jenes Buch ja unbedingt gelesen haben muß laut der Auffassung einiger Kritiker und Kenner. Gottseidank gibt es dann noch Momente, wie diesen, in denen ich erkenne, daß auch andere Leute so denken wie ich. Leute, deren Meinung genauso ernstzunehmen ist, wie die jener Freunde, die Empfehlungen aussprechen oder jener Kritiker, die das höchste Lob vergeben.

Auch ich hatte mal »Der dunkle Turm: Schwarz« in der Hand. Das Buch wurde mir von einer Bekannten so sehr empfohlen, daß ich es mit nach Hause nehmen mußte, um es nach nichtmal einer Seite genervt wegzulegen und so schnell wie möglich zurückzugeben. Ich wußte damals nicht, wie ich es ihr erklären soll. Ich hab mich fast ein wenig geschämt. Heute fühle ich mich gut. Ich stehe nicht allein da mit meiner Meinung. Vielleicht gibt es einfach Bücher, die nicht jeder lesen kann und sollte. Vielleicht muß man einfach nicht alles gelesen haben, was andere toll finden. Vielleicht hätte mir das schon viel früher klar sein müssen. Aber auch wenn die Erkenntnis spät kommt, sie bleibt wertvoll. Danke Dan!

Jan • 8.7.2009, 6:45 Uhr • Kommentare: 3

Kurioses

Die Brille


Hat auch seine Brille verloren (Foto: schockwellenreiter, Lizenz)

P fragte mich neulich, ob ich ihre Brille irgendwo gesehen hätte. Sie meinte die hübsche schwarze, mit dem dicken Rahmen. Sie hat schon überall nach ihr gesucht und die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt - ohne Erfolg. Heute morgen kommt sie gut gelaunt mit ihrer schwarzen Brille herein.

»Nachdem ich die Brille einfach nirgendwo finden konnte, mußte ich mich damit abfinden, daß ich sie wohl verloren habe. Ich beschloß also, mir bei eBay eine neue zu kaufen, die wenigstens so ähnlich aussieht. Ich hatte Glück, denn ein Modell sah fast genauso aus, wie meins. Leider war die Auktion schon beendet. Also hab ich den Verkäufer einfach angeschrieben und gefragt, ob der Höchstbietende noch interesse hat und daß falls nicht, ich die Brille nehmen würde. Daraufhin kam gleich die Antwort, daß ich sie haben könne, wenn ich das Geld überweise. Dann sehe ich bei den Bankdaten "Berliner Sparkasse" und schreibe abermals eine Email mit der Frage, ob auch eine Abholung möglich wäre, da ich ja auch in Berlin wohne. Er meinte, das wäre kein Problem, er wohne im Bezirk Friedrichshain. "So ein Zufall", schrieb ich zurück, "ich wohne auch im Friedrichshain!" - "Super, ich wohne in der Wühlischstr. 9", kam die Antwort. - "Ach, ich auch!?" Das waren dann zehn Euro Finderlohn an meinen Nachbarn.«

Jan • 1.7.2009, 6:03 Uhr

Früher

Mit dem Fahrrad im Büro


das rot/blaue in der Mitte

Ich hab heute morgen aus dem Fenster geschaut und es war so ein heftiger Wind, da dachte ich, es macht bestimmt Spaß, Fahrrad zu fahren. Aber ich hatte mich geirrt. Es hat keinen Spaß gemacht. Weder gegen den Wind die Brücken hoch, noch quer zum Wind drüber weg. Wenigstens habe ich eine Gangschaltung. Mountainbikes haben sowas. Auch welche von 1992. Früher war das anders.

Als Kind hatte ich ein BMX-Fahrrad. Das hatte keine Gangschaltung. Das hatte nichtmal einen Leerlauf, sondern Rücktritt. Es war nämlich gar kein echtes BMX-Rad, sondern ein umgebautes Klappfahrrad von MIFA. In der DDR gabs nämlich gar keine BMX-Räder. Zumindest nicht in der Zeit, als wir ständig ins Kino gelaufen sind, um die BMX-Bande zu sehen und danach durch den Wald zu rasen und über Wurzeln zu springen.

Mein Papa hatte damals ein Klappfahrrad gekauft und es mit in die Werft genommen. Dort hat er dann von einem Kollegen eine Stange zwischen Sattel- und Lenkerstütze einschweißen lassen. Dann hat er es weiß lackiert und aus schwarzem Isolierband die Buchstaben B, M, X ausgeschnitten und beidseitig auf den Rahmen geklebt. Aus Schaumgummi und rotem Nylon hat er dann Polster für Stange und Lenker genäht und einen schicken Bananensattel montiert. Als Räder wurden die dicken, grobprofiligen Mopedanhänger-Räder genommen. Die hatten damals die bevorzugten Stahlfelgen und paßten perfekt an ein Klappfahrrad.

Damals haben mich viele beneidet. Während sie mit ihren quietschenden Klapprädern fahren mußten, hatte ich ein BMX-Fahrrad. Oder zumindest etwas ähnliches. Und dann passierte es. Kurz vor der Wende brachte MIFA ein echtes BMX-Rad heraus. Mit Leerlauf und Felgenbremse vorn und hinten. Und plötzlich hatten alle sowas. Nur ich hatte ein nicht klappbares Klapprad mit BMX-Aufkleber und Rücktritt.

Mein Mountainbike hat über 20 Gänge. Wieviele genau, weiß ich gar nicht. Ich fahre vorn nur auf dem größten Kranz und schalte hinten so weit hin und her, wie es geht. Brücke rauf, Brücke runter. Gegen den Wind. Oder gegenan. Manchmal auch direkt dagegen. Es ist immernoch total windig draußen. Auf den Rückweg freu ich mich jetzt nicht mehr. Aber vielleicht regnet es ja noch. Dann werde ich wenigstens naß.

Jan • 23.6.2009, 11:52 Uhr • Kommentare: 4